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Deutscher Krebskongress in Berlin vom 18.-21.02.2026

Liebe Freunde, liebe Besucher,

vier intensive Tage auf dem Deutschen Krebskongress liegen hinter uns. Vier Tage voller wissenschaftlicher Exzellenz, lebendiger Debatten und vor allem bewegender Begegnungen. Wenn man diese Veranstaltung verlässt, bleibt nicht nur ein Notizbuch voller Erkenntnisse, sondern auch das Gefühl, Teil einer engagierten Gemeinschaft zu sein, die Verantwortung übernimmt: für Forschung, für Versorgung und für Menschen.

Wissenschaft trifft Haltung

Die fachliche Qualität der Vorträge war herausragend. Neue Studienergebnisse, innovative Therapiekonzepte, Versorgungsmodelle und gesundheitsökonomische Perspektiven, das Spektrum war breit und zugleich tiefgehend. Doch jenseits aller Daten und Diagramme war es vor allem der Austausch mit engagierten Ärzten, Pflegekräften und nicht zuletzt Patientenvertretern, der diesen Kongress so besonders machte.

Gerade in der Onkologie wird deutlich, dass Fortschritt nicht allein im Labor entsteht, sondern im Dialog zwischen Professionen, zwischen Institutionen und vor allem zwischen Medizin und Patienten.

Ein Thema, das bewegt: Suizidassistenz in Deutschland

Mein persönliches Highlight war die Session mit dem Titel:
„Ein Jahr Bericht und Lernsystem zur Suizidassistenz in Deutschland – Empirische Analysen und ethische Herausforderungen“.

Die Diskussion war differenziert, sachlich fundiert und dennoch spürbar von ethischer Spannung geprägt. Ein Jahr nach Einführung eines strukturierten Bericht- und Lernsystems wurde eine erste empirische Zwischenbilanz gezogen: Wer stellt Anträge? Welche Motive werden genannt? Welche strukturellen und medizinischen Konstellationen liegen zugrunde? Und vor allem: Welche ethischen Leitplanken braucht ein solches System?

Ich habe zu diesem Thema einen klaren Standpunkt.

Akute Sterbehilfe – JA.
Aber selbstverständlich nicht pauschal und nicht in jedem Fall.

Ein 18-jähriger junger Mann, der nach einer gescheiterten Beziehung keinen Lebenssinn mehr sieht, benötigt Schutz, psychologische Begleitung und Perspektiven. Hier geht es um Krisenintervention, um psychosoziale Stabilisierung und nicht um assistierten Suizid.

Anders verhält es sich bei einem Patienten mit einer fortgeschrittenen ALS oder einer metastasierten Krebserkrankung mit nur noch wenigen Tagen Lebenserwartung. Ein Mensch, der weiß, dass keine kurative Therapie mehr möglich ist, der unter schwersten Symptomen leidet und bewusst entscheidet, keine weitere Chemotherapie mehr zu wollen, sondern würdevoll und schmerzfrei gehen möchte, dessen Autonomie verdient ernsthafte Beachtung.

Hier beginnt die eigentliche ethische Herausforderung: Zwischen Schutzpflicht und Selbstbestimmung eine verantwortbare Balance zu finden. Ein Lernsystem kann Transparenz schaffen. Aber Haltung entsteht nicht durch Statistik, sie entsteht durch Gewissensarbeit.

Partnerschaft auf Augenhöhe

Bereits am ersten Kongresstag setzte eine Diskussionsrunde ein wichtiges Signal. Unter der Moderation von Eckart von Hirschhausen stand das Thema:
„Zusammen – gezielt – zukunftsfähig: Echte Partnerschaften zwischen Patienten und Medizinern eröffnen Chancen für Veränderungen“.

Nach prägnanten Impulsvorträgen entwickelte sich eine offene Diskussion. Wer mich kennt, weiß: Wenn es um Arzt-Patienten-Kommunikation geht, spreche ich Klartext.

Ich schilderte zunächst ein negatives Beispiel. Eine Situation, in der Kommunikation auf reine Informationsübermittlung reduziert wurde. Fachlich unkorrekt und ohne Empathie, ohne Blickkontakt, ohne Raum für Fragen. Für Patienten sind solche Begegnungen prägend. Sie entscheiden darüber, ob Vertrauen entsteht oder zerbricht.

Im Kontrast dazu berichtete ich von einem positiven Beispiel aus unserem Universitätsklinikum Halle. Dort wird Kommunikation nicht als „weiches“ Zusatzthema verstanden, sondern als integraler Bestandteil von Versorgungsqualität. Interdisziplinäre Abstimmung, transparente Gespräche und die aktive Einbindung von Patientenvertretern sind gelebte Praxis und kein Schlagwort.

Selbsthilfe als gestaltende Kraft

Besonders stolz bin ich auf die Arbeit unserer Selbsthilfegruppe für Leukämie- und Lymphompatienten in Halle. Unsere SHG arbeitet nicht isoliert, sondern sektionsübergreifend und eng verzahnt mit den klinischen Strukturen. Dieser Schulterschluss schafft Vertrauen, fördert Informationsfluss und stärkt Betroffene in ihrer Rolle.

Ein Beispiel dafür ist unser Patiententag „andersherum“. Nicht die Ärzte referieren über Patienten, sondern Patienten formulieren ihre Perspektiven, Erwartungen und Bedürfnisse. Die Rollen werden bewusst gespiegelt. Dieser Perspektivwechsel erzeugt Erkenntnisse, die keine Studie liefern kann.

Ich habe den anwesenden Kliniken ausdrücklich nahegelegt, dieses Format zu übernehmen. Echte Partnerschaft entsteht nicht durch wohlklingende Leitbilder, sondern durch strukturelle Verankerung von Mitgestaltung.

Traditionell bildet der Krebsaktionstag am letzten Kongresstag einen ganz besonderen Abschluss des Deutschen Krebskongresses. Hier stehen nicht Studienprotokolle oder Leitlinien im Mittelpunkt, sondern die Fragen der Patienten sowie ihrer Angehörigen. In verständlicher Sprache, mit viel Raum für individuelle Anliegen, werden Unsicherheiten geklärt, Therapieoptionen erläutert und Unterstützungsangebote vorgestellt. Diese direkte Begegnung auf Augenhöhe ist ein essenzieller Bestandteil moderner Onkologie.

Dabei wurde auch deutlich: Es ist durchaus sinnvoll, wenn sich Patienten eigenständig informieren und dazu gehört heute selbstverständlich auch die Nutzung von Künstlicher Intelligenz. KI kann komplexe Sachverhalte strukturieren, Begriffe erklären und Orientierung bieten. Das Problem entsteht jedoch dann, wenn Informationen ungeprüft übernommen oder aus dem Kontext gerissen werden. Nicht alles, was eine KI ausgibt, ist automatisch korrekt, vollständig oder individuell passend. Medizinische Entscheidungen gehören in die Hände qualifizierter Fachpersonen und müssen immer im persönlichen Gespräch eingeordnet werden.

Deshalb gilt: KI gern nutzen…aber mit kritischer Aufmerksamkeit und gesundem Zweifel. Informationen bitte mit Achtungszeichen genießen.

Vier Tage, die nachwirken

Der Deutsche Krebskongress hat erneut gezeigt: Onkologie ist mehr als Tumorbiologie und Therapiealgorithmen. Sie ist Beziehungsmedizin. Sie ist ethische Verantwortung. Und sie ist Teamarbeit – über Berufsgruppen und Hierarchien hinweg.

Vier Tage intensiver Input.
Vier Tage engagierter Austausch.
Vier Tage, die deutlich machen: Fortschritt entsteht dort, wo Wissenschaft, Menschlichkeit und klare Haltung zusammenkommen.

Jetzt gilt es, das Gehörte nicht im Kongresssaal zurückzulassen, sondern in den klinischen Alltag zu tragen. Denn dort entscheidet sich, ob aus Diskussionen echte Veränderung wird.

Noch ein paar Zitate des Kongresses:

  • „Kommunikation wird nicht ausreichend gelehrt“
  • „Mit welchem Recht nehmen sie mir die ganze Hoffnung“
  • „Wir lassen es uns gefallen, dass Menschen nach Exceltabellen beurteilt werden“
  • „Krebs macht verletzlich“
  • „Am Lebensende soll der Patient allein entscheiden dürfen“
  • „Ein Segen, dass es Impfungen gibt“
  • „Auch Ratschläge sind oft Schläge des Onkologen“
  • „In Deutschland gibt es nur krank oder gesund, dass ist für mich schwarz/weiß denken“
  • „ca. 65% aller Krebserkrankungen wären durch eine gesunde Lebensweise vermeitbar“
  • „an einem gesunden Menschen verdient man nichts, aber an Zucker, Tabak und Alkohol“
  • „Bewegungstherapie verlängert nachweislich das Leben“
  • „Chirurgie bedeutet erlaubte Körperverletzung“
  • „Was ich für mich gelernt habe, den Umgang mit der Verantwortung besser in den Fokus zu stellen“

Paar Eindrücke der Veranstaltung: 

Eure Simone

 

© 2016 Selbsthilfegruppe für Leukämie- und Lymphompatienten Halle (Saale) / Sachsen-Anhalt

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