Liebe Freunde, liebe Besucher,
am 27.07.2010 ermöglichte mir OA Dr. Thomas Kegel
mit ihm ein Interview zum diffus großzelligem NHL zu führen.
OA Dr. Thomas Kegel ist im UKH (Universitätsklinikum
Halle) in der hämatologisch-onkologischen Ambulanz tätig.

OA Dr. Thomas Kegel
Frage:
Herr
OA Dr. Thomas Kegel, Sie arbeiten seit mehreren Jahren im UKH, Klinik für
Innere Medizin IV, in der hämatologischen / onkologischen Ambulanz. Wie viel
Patienten werden hier jährlich ambulant behandelt?
Es handelt sich bei aktuell sinkenden Patientenzahlen
um ca. 2000 Patienten pro Jahr.
Frage:
Warum
wird ca. nur bei einem Viertel aller DLBCL-Betroffenen die Erkrankung in einem
frühen Stadium (I und II) diagnostiziert, während bei der Mehrheit ein
fortgeschrittener Zustand vorliegt?
Bei etwa der Hälfte der Patienten wird die
Erkrankung im Stadium III oder IV gestellt. Dass die Erkrankung so häufig so
spät diagnostiziert wird, liegt an der Biologie der Erkrankung mit sehr rascher
Wachstumsgeschwindigkeit. Dagegen gibt es Patienten, bei denen sich die Erkrankung
aus einem sogenannten „indolenten" d. h. niedrig malignen Non-Hodgkin Lymphom
entwickelt. Diese Patienten können zuvor auch über Jahre asymptomatisch sein.
Frage:
Es
wird immer wieder von verschiedenen ursächlichen Faktoren wie Infekte,
vorangegangene Bestrahlung oder Toxine diskutiert. Worin sehen Sie eventuelle
Ursachen für diese Lymphomerkrankung?
Es gibt wenig gesicherte Daten aber immer mehr
Erkenntnisse. Man muss sich vorstellen, dass das Immunsystem ein im Körper
ständig aktives System ist. Die Frequenz von DNA-Veränderungen ist daher
relativ hoch. Damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit von DNA Schäden, die
nicht mehr von den natürlichen Reparaturmechanismen behoben werden können.
Weiterhin sind Umwelteinflüsse (z. B. häufigere Erkrankungen bei Patienten mit
Exposition gegenüber bestimmten Chemikalien) und Viruserkrankungen (HI-Virus,
CMV, EBV) als auslösende Faktoren bekannt. Es gibt aber auch erbliche Prädispositionen,
d.h. es besteht ein höheres Erkrankungsrisiko für Menschen mit bereits einem
Erkrankungsfall in der Blutsverwandschaft.
Frage:
Viele
Betroffene berichten bei der Diagnosestellung über die sogenannte
B-Symptomatik. Welche Symptome sind außerdem noch typisch für diese Erkrankung?
Neben den klassischen B-Symptomen wie Fieber,
Nachtschweiss und ungewolltem Gewichtsverlust, die allerdings nicht immer
vorhanden sind, können Abgeschlagenheit, Infektionen als Folge der Lymphomerkrankung
und Blutbildveränderungen mit Blutarmut und / oder Blutungszeichen bei
Thrombozytopenie auftreten. Letztendlich gibt es aber kein Symptom, das nicht durch
die Lymphomerkrankung erklärbar wäre!
Frage:
Was
sind Staging-Untersuchungen, und warum sind sie für das Ausmaß der Erkrankung
so wichtig?
Jede
Lymphomerkrankung erfordert eine Ausbreitungsdiagnostik zur Festlegung des Stadiums
und somit auch der Therapieplanung. Diese Ausbreitungsdiagnostik umfasst eine
repräsentative Gewebeprobe zur Histologischen Untersuchung (die ausnahmsweise
bei notfallmässiger Behandlungseinleitung durch eine Feinnadelpunktion ersetzt
werden kann). Gefordert wird zudem die
Schnittbilddiagnostik (CT oder MRT des Thorax, Abdomens und
Beckens) mit der Frage welche
Lymhknotenregionen und oder extralymphatischen Organe befallen sind.
Desweiterhin muss eine Knochenmarkuntersuchung mit Zytologie, Histologie FACS
un Zytogenetik erfolgen, um eine Beteiligung des Knochenmarks nachzuweisen oder
auszuschliessen. Bei Risikokonstellation sollte zusätzlich noch eine Punktion
des Nervenwassers sowie eine MRT des Hirnschädels durchgeführt werden. Ein
Zwischenstaging nach der Hälfte der geplanten Therapiezyklen sollte unbedingt
erfolgen. Dabei sollten alle in der Ptimärssituation befallenen Regionen
nochmals untersucht werden.
Frage:
Warum
gehört eine PET-Untersuchung nicht zum routinemäßigen Standard?
Die PET ist eine sehr hilfreiche Methode und es ist
tatsächlich so, dass sie in den aktuellen Empfehlungen der ESMO als
Staging-Untersuchung empfohlen wird. Es ist eine Preisfrage und eine Frage der
Kostenübernahme durch den Krankenversicherer. Das sind hauptsächlich die Gründe,
die den Einsatz bisher beschränken. So
hilfreich die Zusatzinformation durch die PET ist, hat deren Ergebnis
heute in der Routine noch kaum Einfluss auf die Therapieentscheidung; ganz
anders bereits heute im Rahmen aktuell laufender Studien.
Frage:
In
einigen Kliniken wird das Ergebnis einer PET-Untersuchung nach dem 3. Zyklus
zur weiteren Therapieentscheidung herangezogen. Wie wird diesbezüglich die
Therapiestrategie hier im UKH festgelegt?
Wir verhalten uns hier gemäss den Vorgaben
entsprechender Studien bezw. In deren Anlehnung in Einzelfällen bei Patienten,
die nicht innerhalb einer Studie behandelt werden.
Frage:
Wie
viel Prozent der Patienten mit einem DLBCL verfügen über den CD20
Oberflächenmarker, welcher auf den Lymphomzellen zu finden ist?
Es sind 86% der Patienten nach den neusten
Publikationen.
Frage:
Die
Grundlage der Therapie bei DLBCL ist eine kombinierte Chemo-und Immuntherapie
nach dem R-CHOP-Schema. Welche Hauptnebenwirkungen treten bei der CHOP-Therapie
auf?
Das CHOP-Schema ist ein über Jahrzente erprobtes Protokoll.
Die Nebenwirkungen sind klassisch und den einzelnen Komponenten zuzuschreiben.
So kommt es zum Haarausfall, Knochenmarkdepression und Neuropathien.
Frage:
Welche
Reaktionen kann durch den monoklonaler Antikörper Rituximab verursacht werden?
Durch das Rituximab kommt es aufgrund der Wirkung
gegen CD20 positive Lymphozyten zu einer Reduktion auch der gesunden B-Lymphozyten,
die für die Antikörperfunktion verantwortlich sind. Diese Patienten haben im
Laufe der Therapie einen Mangel an Antikörpern und demzufolge ein höheres
Risiko an Infektionen zu erkranken.
Frage:
Einige
Patienten leiden an den Folgen von Vincristin. Sie verfügen über taube Finger-
bzw. Zehenspitzen, welche auch sehr schmerzhaft sein können. An wen sollten
sich die Patienten mit einer Polyneuropathie diesbezüglich wenden? An seinen
Hausarzt, seinen Hämatologen oder sollte man sich einem Ergotherapeuten
anvertrauen?
Selbstverständlich müssen die Onkologen, die die
Therapie indiziert haben, auch die Behandlung der Nebenwirkungen verantworten.
Es gibt keine wirklich befriedigende Therapie, die diese Nebenwirkung reduzieren
kann. Aber der Onkologe muss den Patienten letztlich vor Beginn der Chemotherapie
darüber aufklären und diese Nebenwirkung im Verlauf vor jedem Zyklus neu
erfragen, um gegebenfalls die Gabe von Vincristin in den späteren Zyklen zu vorzeitig
zu stoppen..
Frage:
Eine
komplette Remission ist das Ziel eines Patienten, wie viel Prozent der
Betroffenen mit einem DLBCL erreichen es wirklich?
Abhängig vom
Lymphomsubtyp, Stadium und Risikofaktoren erreichen 44% bis 77% der Patienten
mit der angemessenen Therapie eine komplette Remission.
Frage:
Bei
Patienten mit einem ungenügenden Therapieerfolg mit einer konventionellen
Chemotherapie sollte wie weiter verfahren werden?
Wenn es
unter der Standardtherapie zu einer Progression der Erkrankung kommt, wird das
primäre Therapiekonzept abgebrochen und der Patient muss frühzeitig einer sogenannten
„Salvage Therapie" zugeführt werden. Damit besteht in jedem Fall eine
Hochrisiko Situation. Der Patient sollte dann möglichst an einem
spezialisierten Zentrum im Rahmen einer Studie mit Hochdosischemotherapie mit
autologer Stammzellunterstützung behandelt werden. Für Patienten, die aufgrund
fortgeschrittenen Alters oder schwerwiegender Begleiterkrankungen nicht für
eine derart intensive Therapie in Frage kommen, besteht die Möglichkeit auf ein
standarddosiertes Protokoll mit nicht-kreuzresistenten Substanzen
zurückzugreifen. Bewährt hat sich hier das Rituximab + Gemcitabin + Oxaliplatin
Protokoll auf ambulanter Basis.
Frage:
Für
Rezidive gibt es mehrere Protokolle, wie würden Sie nach R-CHOP therapieren.
Auch für
diese Situation gibt es Therapieempfehlungen im Rahmen von Leitlinien. Wenn es sich um einen jjungen Patienten
handelt, der Hochdosis-Chemotherapie fähig ist, sollte dann sicherlich nach
einem aggressivenRe-Induktionsprotokoll wie R-DHAP (Rituximab + Hochdosiertes
Cytarabin + Cisplatin) behandelt werden. Die Alternative hierzu ist das R-ICE Protokoll
(Rituximab + Ifosfamid + Carbopltatin + Etoposid). Für diejenigen Patienten, die
darunter eine Remission erreichen, sollte versucht werden, innerhalb einer
Studie mit einer autologen Stammzelltransplantation zu behandeln. Das ist nach
gegenwärtiger Dtaenlage für disee Patienten die aussichtsreiche Therapieform.
Aber es ist immer noch ein experimentelles Verfahren. Welches Protokoll für die
Transplantation eingesetzt wird, das bleibt dem Zentrum bzw. der Studiengruppe
überlassen. Auch diese Protokolle werden mit dem monoklonalem Antikörper Rituximab
kombiniert werden. Wenn ich einen Patienten behandeln müsste, der nicht für so
eine Therapie in Frage kommt, weil sie zu toxisch ist bzw. zu viele
Begleiterkrankungen hat, ist das oben erwähnte R-GEMOX Protokoll eine gute Option. Es kann
ambulant gegeben werden und die Patienten müssen nicht unnötig hospitalisiert
werden.
Frage:
Einige
Patienten mit DLBCL verfügen aber über ein geringes Ausgangsgewicht bzw.
schlechten Allgemeinzustand. Gibt es hier infolgedessen Abweichungen zum
Standard?
Das Gewicht
als solches ist kein Faktor. Hat der Patient einen schlechten Ernährungszustand
geht dieser in den IPI-Score ein und somit besteht ein höheres Risiko. Was man
immer bedenken muss, dass manche Patienten durch das fortgeschrittene Stadium
in einem schlechten Allgemeinzustand zu uns kommen. Besteht eine sehr hohe
Tumorlas, ist es Standard mit einer „Vorphase-Chemotherapie" zu beginnen, um
ein Tumorlyse-Syndrom zu vermeiden und den klinischen Zustand des Patienten zu
verbessern.
Frage:
An
welchen Studien nimmt das UKH teil, und welche Wünsche verfolgen Sie
entsprechend?
Es gibt
momentan zwei Studien an denen wir uns beteiligen. Erstens an der sog. „FLYER-Studie".
Das ist eine Studie für die Primärtherapie bei Patienten mit einem geringen Risiko. Diese randomisierte Studie vergleicht Immuntherapie
mit 6 Zyklen des monoklonalen CD20-Antikörpers Rituximab in Kombination mit 6
oderlediglich 4 Zyklen CHOP
(Cyclophosphamid, Doxorubicin, Vincristin und Prednison) in 21-tägigen
Intervallen bei Patienten mit aggressiven CD20-positiven B-Zell-Lymphomen im
Alter von 18-60 Jahren. Es wird geprüft, ob die Patienten mit 4 Zyklen der
Chemotherapie kein schlechteres Therapieergebnis haben. Das Ziel ist, für diese
die Nebenwirkungen durch die 2
zusätzlichen Zyklen Chemotherapie zu ersparen. Im Gegensatz dazu ist die
Mega-CHOEP-Studie für Patienten der Hochrisikogruppe vorgesehen. Es ist eine
prospektive, randomisierte, offene Phase III Studie zum Vergleich einer
konventionellen Chemotherapie (CHOEP-14) mit einer intensivierten Therapie mit wiederholter
Hochdosis Chemotherapie mit autologer
Stammzellretransfusion (Mega-CHOEP) mit Gabe von Rituximab bei Patienten mit
Erstdiagnose eines aggressiven Non-Hodgkin-Lymphoms.
Frage:
Wir
können mit Grund stolz auf unsere recht junge Internetpräsenz der SHG (3 Jahre)
sein. Anhand der Besucherzahlen kann man erkennen, dass sie bei Lesern großen
Zuspruch findet. Wären Sie auch weiterhin bereit uns bei unserer Arbeit
entsprechend zu unterstützen?
Selbstverständlich bin ich gerne dazu bereit. Ich
unterstütze das Engagement sehr und bin froh, dass es eine Selbsthilfegruppe
für Leukämie- und Lymphompatienten hier in Halle gibt. Ich bewundere die
Patienten, die aus ihrem eigenen Erkrankungsschicksal die Kraft schöpfen, sich
für ihre Mitpatienten einzusetzen. Das finde ich absolut ehrenwert.
Ich bin davon überzeugt, dass es in der
Lymphomerkrankung in den kommenden Jahren einige sehr wichtige Erkenntnisse
gibt. Die molekulargenetischen Untersuchungen, die wir heute schon haben und
die Daten für die drei Sub-Typen derdiffus großzelligen NHL sprechen für sich.
Die einzelnen Subtype unterscheiden sich nicht histologisch, wohl aber
molekulargenetisch und klinisch z. b. im Ansprechen auf die einzelnen
Therapieformen. Hier besteht die Möglichkeit, durch Integration neuerer Substanzen
im Sinne der Zielgerichteten Therapie (z.B. Bortezomib, Lenalidomid und
Thalidomid) die Lymphomtherapie gerade
für die gegen klassische Chemotherapie refraktären Erkrankungen zu verbessern.
Legende:
PET:
Die
Positronen-Emissions-Tomographie (PET) gehört zu den nuklearmedizinischen den.
ESMO:
European
Society for Medical Oncology (Europäische Krebsgesellschaft)
Staging
/ Stadienbestimmung:
Teil
der Diagnostik, der der Feststellung des Ausbreitungsgrades eines bösartigen Tumores
dient.
Salvage-Therapie:
Der
Begriff der Salvage-Therapie (Salvage = Rettung) ist nicht definiert. Er wird
in der Onkologie sehr unterschiedlich verwendet. Während manche Behandler erst
von Salvage sprechen, wenn alle Substanzklassen fehlgeschlagen sind, gilt dies
für andere schon ab der zweiten Therapielinie.
IPI-Score:
International
Prognostic Index; Score, der das individuelle Risiko nach Faktoren festlegt.
Target-Therapie:
Unter Target-Therapie (engl. targeted therapy =
gezielte Therapie) fasst man verschiedene Methoden der medikamentösen
Behandlung bösartiger Tumoren zusammen, die zielgerichtet gegen molekulare
Strukturen von Tumorzellen oder Gefässzellen oder deren Botenstoffe
gerichtet sind.
Fazit:
Einen großen Dank an OA Dr. Thomas Kegel. Er nahm
sich mit einer Selbstverständlichkeit so viel Zeit für dieses ausführliche
Interview. Nicht eine Frage blieb unbeantwortet. Das nenne ich eine gute
Zusammenarbeit mit einem hervorragenden Facharzt.
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